Arno Schmidt und seine Zettelkästen: Schreiben mit Karteikarten
Neben Luhmann der bekannteste Zettelkasten-Nutzer im deutschen Sprachraum: wie Arno Schmidt Material für seine Bücher sammelte und warum sein Ansatz anders funktionierte.
Arno Schmidt (1914 bis 1979) gehört neben dem Soziologen Niklas Luhmann zu den bekanntesten Menschen im deutschen Sprachraum, die mit Zettelkästen gearbeitet haben. Der Schriftsteller entwickelte seine Bücher aus großen Sammlungen von Zetteln mit Lesefrüchten, Beobachtungen und Formulierungen. Sein bekanntestes Beispiel ist „Zettel’s Traum“ von 1970, schon im Titel ein Hinweis auf die Arbeitsweise. Dieser Artikel ordnet ein, was über seine Methode bekannt ist, und zeigt, was Schreibende heute daraus mitnehmen können.
Er beschränkt sich bewusst auf allgemein belegte Eckdaten. Für Details zu einzelnen Werken, Zetteln und Editionen ist die Arno Schmidt Stiftung die maßgebliche Anlaufstelle.
Eckdaten zu Leben und Werk
Arno Schmidt wurde 1914 in Hamburg geboren und starb 1979 in Celle. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er mit Erzählungen und kurzen Romanen hervor, die durch eine ungewöhnliche Zeichensetzung, verdichtete Sprache und genaue Beobachtung auffielen. Ab 1958 lebte er mit seiner Frau Alice Schmidt in Bargfeld, einem Dorf in der Lüneburger Heide. Dort entstanden die großen Spätwerke.
Neben seinen eigenen Büchern arbeitete Schmidt als Übersetzer aus dem Englischen. Bekannt ist vor allem seine Mitarbeit an einer deutschen Ausgabe der Werke Edgar Allan Poes. Poe spielt auch in „Zettel’s Traum“ eine zentrale Rolle.
Nach seinem Tod gründeten Alice Schmidt und der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma die Arno Schmidt Stiftung mit Sitz in Bargfeld. Sie betreut den Nachlass, gibt die Werke in der sogenannten Bargfelder Ausgabe heraus und erhält das ehemalige Wohnhaus.
„Zettel’s Traum“: ein Buch aus Zetteln
„Zettel’s Traum“ erschien 1970 und ist ein Ausnahmewerk der deutschen Literatur, schon wegen seiner äußeren Form. Das Buch ist sehr großformatig und umfasst weit über tausend Seiten. Der Text verläuft über weite Strecken in mehreren Spalten nebeneinander, dazu kommen Randbemerkungen, Einschübe und Zitate. Gedruckt wurde zunächst ein Faksimile des Typoskripts, also der mit der Schreibmaschine erstellten Vorlage, weil sich das komplexe Seitenbild mit herkömmlichem Satz kaum umsetzen ließ.
Der Titel ist doppeldeutig. Er spielt auf Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ an, in dessen verbreiteter deutscher Übersetzung eine Figur Zettel heißt. Und er benennt die Grundlage des Werks: Für das Buch legte Schmidt nach übereinstimmenden Darstellungen Zehntausende Zettel an, auf denen er Stellen aus Poes Werken, Einfälle, Wortspiele und Szenenideen festhielt.
Die mehrspaltige Anlage lässt sich als Spiegel dieser Arbeitsweise lesen. Statt einen einzigen fortlaufenden Text zu schreiben, setzte Schmidt Haupthandlung, Zitate und Kommentare nebeneinander, so wie Zettel auf einem Tisch nebeneinander liegen können.
Wie Schmidt mit Zetteln arbeitete
Über Schmidts Arbeitsweise ist vor allem aus Nachlass, Editionsarbeit und seinen eigenen Texten einiges bekannt. Einige Grundzüge lassen sich allgemein beschreiben, ohne in Details zu gehen, die nur die Forschung sicher klären kann:
- Sammeln beim Lesen: Schmidt las intensiv und hielt auffällige Stellen, Fakten und Formulierungen auf Zetteln fest. Viele davon stammten aus Lexika, Sachbüchern und der Literatur, mit der er sich gerade befasste.
- Eigene Einfälle: Neben Exzerpten notierte er Beobachtungen aus dem Alltag, Wortspiele und Ideen für Szenen.
- Ordnung nach dem Werk: Die Zettel wurden auf das geplante Buch hin sortiert, also nach Abschnitten, Figuren oder Motiven. Der Kasten war damit eher Baustelle eines bestimmten Textes als ein dauerhaftes Denkarchiv.
- Montage beim Schreiben: Beim Ausarbeiten griff Schmidt auf die sortierten Zettel zurück und fügte Material in den Text ein. Die dichten, anspielungsreichen Seiten seiner späten Werke sind ohne diese Vorarbeit kaum vorstellbar.
Schmidt und Luhmann im Vergleich
Beide arbeiteten mit Zetteln in Kästen, aber mit unterschiedlichem Ziel. Der Vergleich hilft, die passende Form für eigene Projekte zu finden:
| Merkmal | Niklas Luhmann | Arno Schmidt |
|---|---|---|
| Beruf | Soziologe, Hochschullehrer | Schriftsteller, Übersetzer |
| Zweck des Kastens | dauerhaftes Denken über viele Themen | Material für ein konkretes Werk |
| Ordnung | feste Nummern, Folgezettel, Verweise | nach Aufbau des geplanten Buchs |
| Lebensdauer | über Jahrzehnte gepflegt | an ein Projekt gebunden |
| Ergebnis | wissenschaftliche Aufsätze und Bücher | literarische Texte mit dichter Montage |
Luhmanns System ist mit seinen Nummern und Verweisen darauf angelegt, Gedanken langfristig zu verknüpfen und beim Schreiben überraschende Verbindungen zu finden. Wie das im Einzelnen funktionierte, erklärt der Artikel über Luhmanns Zettelkasten. Schmidts Ansatz ähnelt eher einer Materialsammlung, die sich um ein Ziel herum verdichtet. Beide Formen haben ihre Berechtigung, und viele Schreibende kombinieren sie heute.
Was Schreibende von Schmidt lernen können
Schmidts Werk ist kein Rezept, das sich einfach nachahmen lässt. Einige Prinzipien seiner Arbeitsweise lassen sich aber gut übertragen.
Ein Projekt braucht eine eigene Sammlung
Wer an einem Roman oder Sachbuch arbeitet, profitiert von einer Sammlung, die genau auf dieses Projekt zugeschnitten ist. Figuren, Schauplätze, Recherchefunde und Szenenideen bekommen je eigene Zettel. Das Projekt wächst so Stück für Stück, bevor die erste Zeile Fließtext entsteht. Eine ausführliche Anleitung dazu bietet der Artikel Zettelkasten für Autoren.
Lesen ist schon Schreiben
Schmidt hielt beim Lesen fest, was ihm auffiel, und machte daraus Rohmaterial. Wer konsequent Exzerpte und Lesenotizen anlegt, hat beim Schreiben einen Vorrat an Fakten, Bildern und Formulierungen. Wichtig ist eine saubere Quellenangabe auf jedem Zettel, damit später klar bleibt, was eigener Gedanke und was fremdes Material ist. Hinweise dazu finden Sie im Bereich Zitate und Exzerpte.
Die Form folgt dem Material
Die ungewöhnliche Seitengestaltung von „Zettel’s Traum“ zeigt, dass Zettel nicht zwangsläufig zu einem linearen Text führen müssen. Für eigene Projekte heißt das: Es lohnt sich, die Zettel vor dem Schreiben auf einem Tisch oder einer digitalen Pinnwand auszulegen und zu prüfen, welche Reihenfolge oder Anordnung das Material nahelegt.
Papier hat Vorteile
Schmidt arbeitete analog, mit Papier, Kästen und Schreibmaschine. Papierzettel lassen sich frei auf einer Fläche verteilen, umsortieren und stapeln. Gerade in der Planungsphase eines Buchs ist das ein Vorteil gegenüber einer Liste auf dem Bildschirm. Wer analog arbeiten möchte, findet Grundlagen zu Karteikarten und Kästen im Bereich handschriftliche Notizen.
Grenzen der Übertragbarkeit
Schmidts Arbeitsweise war eng mit seiner Person verbunden: mit einem sehr großen Lesepensum, viel Zeit für ein einziges Werk und einer Lebensweise, die weitgehend auf das Schreiben ausgerichtet war. Wer neben Beruf und Familie schreibt, wird keine Sammlung dieser Größenordnung anlegen und braucht sie auch nicht. Der Kern bleibt dennoch nützlich: Material in kleinen Einheiten sammeln, nach dem Projekt ordnen und beim Schreiben montieren.
Einschränkend ist auch, dass vieles über Schmidts genaue Technik Gegenstand von Forschung und Editionsarbeit ist. Populäre Darstellungen vereinfachen gern oder übertragen Luhmanns Begriffe auf Schmidt. Wer sich tiefer einlesen möchte, sollte auf Veröffentlichungen der Arno Schmidt Stiftung und auf die Literaturwissenschaft zurückgreifen.
Kurz zusammengefasst
Arno Schmidt zeigt, dass ein Zettelkasten nicht nur ein Werkzeug für wissenschaftliches Denken ist, sondern auch eine Werkstatt für literarische Texte sein kann. Sein Ansatz war projektbezogen: sammeln beim Lesen, ordnen nach dem geplanten Werk, montieren beim Schreiben. Wie sich die Methode allgemein aufbauen lässt, erklärt die Übersicht zur Zettelkasten-Methode.
Fragen und Antworten
- Wer war Arno Schmidt?
- Arno Schmidt war ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer, geboren 1914 in Hamburg und gestorben 1979 in Celle. Ab 1958 lebte er zurückgezogen in Bargfeld in der Lüneburger Heide. Er gilt als einer der eigenwilligsten Erzähler der deutschen Nachkriegsliteratur, bekannt für experimentelle Schreibweisen und Typografie.
- Woher hat „Zettel's Traum“ seinen Namen?
- Der Titel spielt auf Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ an. Die Figur, die im Englischen Bottom heißt, trägt in der verbreiteten deutschen Übersetzung den Namen Zettel. Zugleich verweist der Titel auf die Zettel, aus denen das Buch entstand.
- Kann man Arno Schmidts Zettelkästen besichtigen?
- Der Nachlass wird von der Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld betreut, die auch sein ehemaliges Wohnhaus erhält. Ob und in welcher Form Besichtigungen möglich sind, sollten Interessierte direkt bei der Stiftung erfragen.
- Unterscheidet sich Schmidts Methode von Luhmanns Zettelkasten?
- Ja, vor allem im Zweck. Luhmann baute einen dauerhaften Kasten auf, in dem Gedanken über Jahrzehnte miteinander verknüpft wurden. Schmidt sammelte nach allem, was über seine Arbeitsweise bekannt ist, Material gezielt für ein Buchprojekt und ordnete es nach dessen Aufbau.
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Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion IdeaNotes.